MANSONS
DÜSTERE WIEDERKEHR
Der Antichrist-Superstar treibt mit seinem kommenden Album
eine ganze Reihe von Dämonen aus – u.a. seine Scheidung.
Marilyn Manson sitzt im Empfangszimmer seines Hauses im San
Fernando Valley und führt sich eine Flasche rosafarbenen
Absinth zu Gemüte. Sein Domizil fühlt sich düster und nicht
gerade einladend an – seine mit ihm zerstrittene Gattin, das
Model Dita von Teese, ist gerade erst ausgezogen –, und
Manson entschuldigt sich für die Unordnung. Gänzlich ohne
das Make-up, mit dem er sich sonst in der Öffentlichkeit
präsentiert, und relativ schlicht in Schwarz gekleidet,
macht er es sich auf der Couch gemütlich und berichtet von
denjenigen Turbulenzen, die ihn nahezu das gesamte
vergangene Jahr gequält haben – und die ihn letztlich auch
dazu brachten, seiner Karriere neuen Schwung zu verleihen
und sich mit einem neuen Album zurückzumelden: „Eat Me,
Drink Me“, das im Juni erscheinen soll. Die Songs des
kommenden Albums seien, so erklärt er, „ganz offensichtlich
geschrieben, um jemanden zu verführen“, wobei er jedoch
nicht preisgeben will, um wen es sich dabei handeln könnte.
„Ich will nicht, dass die Leute denken, diese Platte könnte
so etwas wie eine Ausbeutung und Zurschaustellung meines
Privatlebens sein“, so Manson weiterhin, „allerdings würde
ich doch sagen, dass diese Platte überaus genau auf den
Punkt bringt, wo ich mich gerade als Mensch befinde und was
ich fühle.“
In den kommenden Stunden spielt Manson Vorabversionen der
Songs, die auf „Eat Me, Drink Me“ erscheinen werden, und
beschreibt währenddessen sein Jahr in der Hölle. „Ungefähr
in der Mitte des vergangenen Jahres befand ich mich in einem
abgrundtiefen Loch; ich war so depressiv“, setzt er an,
„dass ich nicht mehr weiterwusste. Mir waren die Hände
gebunden. Ich konnte nichts mehr machen, und ich hatte die
Hoffnung eigentlich schon aufgegeben.“ Zu dieser Zeit erfuhr
er auch, dass seiner Mutter eine Geisteskrankheit
diagnostiziert wurde, und er zugleich „in einem der
klassischen Rock’n’roll-Klischees verstrickt war: Die Leute,
mit denen ich zusammenarbeitete, nahmen mich hinter meinem
Rücken aus.“ Auch die Musik interessierte ihn nicht mehr,
und das Filmprojekt, das er kurze Zeit zuvor begonnen hatte
– „Phantasmagoria“, ein Film, der auf Lewis Carrols schräger
Lebensgeschichte basiert –, entwickelte sich immer mehr zu
einer psychologischen Belastung.
Letztlich war es eine gute Freundin, die Manson mit einer
Geste krankhafter Zuneigung aus seiner tiefen Krise holte.
„Sie nahm ein Schlachtermesser und sagte, `Hier, du kannst
mich abstechen´“, so Manson. „Erst als mich jemand ertränken
wollte, wurde mir klar, dass ich eigentlich gar nicht
absaufen will.“ Besagtes Motiv ist es auch, dass Manson im
epischen Sechs-Minuten-Song „If I Was Your Vampire“
verarbeitet, den er am vergangenen Heiligabend komponierte.
„Der Song ist der direkte Nachfolger von `Bela Lugosi’s Dead´;
es ist die ultimative Gothic-Hymne.“
Die Texte des kommenden Albums entstanden kurz nach
Halloween. Entscheidend war dabei die Nacht, in der Manson
zu einer Vernissage in seiner Galerie in Los Angeles geladen
hatte. Denn schon am nächsten Morgen verließ er sein Haus im
Valley, um vorübergehend in ein zu einem Studio
umfunktionierten Haus in die Hollywood Hills zu ziehen.
„Ganz plötzlich“, berichtet er, „fühlte ich mich völlig
befreit. Ich setzte mich hin, schrieb einen Song, dann ging
ich zwei Türen weiter, um ihn sofort aufzunehmen.“ Mansons
Texte, die er über Kompositionen von Tim Skold (der im Jahr
2002 als Bassist in seine Band kam) ausbreitete, standen im
Handumdrehen. „Ich schrieb in einem Zustand, in dem ich
ständig zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankte“,
berichtet er. „So platzte das Album regelrecht aus mir
heraus – fast schon wie eine offene Wunde –, und ich hab
mich einfach darauf eingelassen.“
„Just A Car Crash Away“ ist eine Ballade, die einen
buchstäblich zum Feuerzeugschwenken zwingt, wobei Skolds
Gitarrensolo die Totenmarsch-Stimmung pointiert aufbricht. „The
Red Carpet Grave“ hingegen ist klassischer Manson-Sound,
wenn einem neben Kreissägen auch absichtlich primitive
Perkussions-Sounds begegnen. (Tatsächlich haben Manson & Co.
für den Song „You, Me and the Devil Makes 3“ eine metallene
Stinktierfalle bearbeitet, die sie vor dem Haus fanden.) Die
erste Singleauskoppelung des Albums, „Putting Holes in
Happiness“, hat Manson an seinem Geburtstag geschrieben. Er
beschreibt den Song treffend als „eine
romantisch-frauenfeindliche Kannibalen-Gothic-Vampir-Ballade.“
Manson plant in Verbindung mit dem Album-Release auch einen
Film zu veröffentlichen, der, wie er meint, „das bekannte
Horror-Spektrum bei Weitem in den Schatten stellen wird. Es
ist das entsetzlichste Schrecken, das man je gesehen hat.“
Zudem wird er im kommenden Sommer wieder auf Tour gehen und
seine neuen Songs im Rahmen der europäischen Festivalsaison
auch erstmalig live präsentieren. „Bei diesem Album wollte
ich unbedingt ein Sänger sein, ein richtiger Sänger“,
erklärt er abschließend. „Die Platte ist sehr ernst,
unkalkuliert und rau, was bedeutet: Ich weiß, dass ich im
Arsch bin; aber ich weiß auch, dass ich mich kein bisschen
dafür schäme.“
Quelle: Austin Scaggs for Rolling Stone